Der Mänätscher ist schuld!

Genau!
Der Mänätscher ist schuld! Ganz alleine der! Weil wenn man studiert hat, hat man keine Ahnung! Mänätscher gehören abgeschafft, nur noch Leute aus den unteren Ebnen sollen Unternehmen leiten! Weil die haben sich hochgearbeitet! Die verstehen die Probleme der kleinen Leute genau!
Genau!

Ja, also, sowas hört man öfters, vor allem in Bezug auf die ÖBB. Vor kurzem habe ich das Thema mal wieder einem Kollegen diskutiert und dabei folgende Rechnung gestellt:
Nehmen wir einen jungen motivierten Lokführer, der mit 18 Jahren begonnen hat, dann sagen wir einmal, er fährt sieben Jahre. Er fällt positiv auf, wird befördert und fährt das letzte Mal mit 29 einen Zug. Damit beginnt sein weg durch die Instanzen. Aufgrund seine guten Leistungen (und dem richtigen Parteibuch), wird er mit 50 Jahren 2012 „Chef“ der „ÖBB“, vereinfacht gesagt. Er ist stolz und betont immer wieder, das er auf seine Erfahrung als Lokführer zurückgreifen wird. Alle glücklich, er ist kein Mänätscher.

Aber jetzt überlegen wir einmal: Es ist 2012, den letzten Zug hat unser Chef von 21 Jahren geführt, also 1991.
1991 war das modernste Streckenfahrzeug der ÖBB die 1044. Diese Reihe ist heute ein altes Eisen. 1991 dominierten überhaupt Fahrzeuge im Streckendienst, deren Entwicklungszeitraum von ~1930-1960 war. So gut wie alle diese Reihen sind heute außer Betrieb.
1991 waren Streckenausbauten wie die Westbahn nur in ganz kleinen Ansätzen vorhanden. Die Höchstgeschwindigkeit der Züge war auf einigen Stellen etwa 160km/h.
Seit damals wurden die Vorschriften extrem häufig geändert, bei Gelegenheit schau ich einmal nach. Ich schätze aber in den letzten 20 Jahren wurden die Vorschriften im Prinzip komplett neu geschrieben.
Dienstzeiten, Tätigkeiten usw. waren aufgrund gesetzlicher Bestimmungen, organisatorischer Änderungen,… ganz anders.
Und so weiter.
Auf gut Deutsch, die Erfahrungen, die der „Chef“ hat, haben kaum etwas mit der heutigen Lebenswelt des Personals zu tun. Im Prinzip ist es die selbe Erfahrung die studierte Quereinsteiger hat, nämlich fast keine.

Auch wichtig ist noch folgendes:
Was hat ein Lokführer für Erfahrungen mit der Lebenswelt eines Fahrdienstleiters, Bahnmeisters, Krafwerktsmeister,…?
Eben keine.
In so einem Mischkonzern wie der „ÖBB“ ist Erfahrung von unten ja ganz nett, nur hilft sie dir nicht viel weiter.

Aber über die Mänätscher schimpfen ist ja wesentlich einfacher….

PS: Ja, ich weiß, ich habe die ÖBB etwas vereinfacht dargestellt.
PPS: Im Moment bin ich etwas schreibfaul, weil die Arbeit mich sehr einnimmt. Wenn ich abends nach hause komme, möchte ich im Moment nicht noch mal über die Bahn nachdenken.

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