Unser Fehler? Wir haben zu wenig verlangt, nicht zu viel.

Vor einiger Zeit durfte ich mit einer Delegation ein spanisches Meterspurnetz besichtigen. Das ganze wurde als Vorbildlich beschrieben und es war interessant zu sehen, wie man alte Netze auf modernen Standard bringen kann.
Wenn man Geld hat.
Und wenn es nicht das eigene Geld ist.

Alicante ist eine Hafenstadt an der Ostküste und etwa doppelt so groß wie Linz und liegt in einer Provinz mit 1,9 Millionen Einwohnern. Von dort geht eine Meterspurbahn entlang der Küste Richtung Norden. Diese war eine reine Dieselstrecke bis man sich entschloss, sie mit Hilfe der EU zu modernisieren und zusätzlich ein Straßenbahnnetz aufzubauen. Da man die Innenstadt besser erschließen wollte wurde ein Tunnel gegraben, der zu einem späteren Zeitpunkt in Richtung Flughafen verlängert werden sollte.
Auf den ersten Blick (oder besser gesagt am ersten Abend) waren wir beeindruckt. Die Stationen eindrucksvoll, die Fahrzeuge tiptop und modern, viel Personal,…
Am nächsten Tag durften dann mehr sehen. Und nun verstehe ich einiges wegen der Krise in den südlichen Ländern besser.

  • Der Bau des Tunnels und des Straßenbahnsystems sowie die Modernisierung der Bahn hatte bis zu diesem Zeitpunkt rund 800 Milionen Euro (alle Zahlen stammen aus Gesprächen mit den Leuten dort, Belege hab ich deswegen keine) gekosten. Da der Tunnel im Stadzentrum (ver-)endet ist es dringend notwendig die Bahn bis zum Flughafen zu verlängern, um bessere Fahrgastzahlen zu erreichen. Derzeitiger Kostenpunkt sind dann nochmals 700 Milionen Euro. Das sind natürlich horrende Summen für so eine „kleine“ Gebietskörperschaft die da tlw. mittels Krediten aufgebracht werden mussten.
  • Ein Beispiel für die hohen Baukosten ist der Betriebshof mit der Werkstätte. Die Bürotrakte sind mit echten Marmor ausgestattet und auch die restlichen Büromaterialien sind nicht der übliche Standard, sondern sehr hochwertig. Die Werkstätte wurde für die Wartung von der doppelten bis dreifachen Anzahl an Fahrzeugen ausgelegt, steht aber dadurch seit der Inbetriebnahme quasi leer. Es wurde eine hochmoderne Lackierbox installiert, in der ganze Triebwagengarnituren auf einmal lackiert werden können. Wie wir zu Besuch waren, stand das Ding seit mehreren Jahren und die Hebebühnen für die Lackierer darin waren originalverpackt! Auf Rückfrage wurde uns erklärt, das bis jetzt 2 Türen lackiert worden sind…  Die Zufahrt zum Betriebshof war zweigleisig über mehrere Kilometer mit Gleiswechselbetrieb, mit einer eindrucksvollen Streckeneinbindung.
  • Beim Straßenbahnnetz wurde eine Linie errichtet, die in einem Gebiet mit vornehmlich Zweitwohnsitzen verkehrt. Das bedeutet das die Linie nur im Sommer ausgelastet ist und sonst mehr oder weniger leer verkehrt.
  • Die Betriebskosten dürften immens sein. Vorallem da der Betrieber die gesamte Instandhaltung (Fahrzeuge+Strecke) fremdvergeben hat und nun keine Einsparungen vornehmen kann, da die Verträge langfristig abgeschlossen sind.
  • Die Personalkosten dürften auch immens sein, was wir gehört haben. Für Triebfahrzeugführer (die in der selben Gewerkschaft wie die Piloten sind) beträgt das Jahresgehalt rund 40.000Euro. Dazu gehören dann aber noch Vergünstigungen wie etwa ein gratis Shuttelservice aus der Stadt zum Betriebshof (Mercedes Sprinter mit Spezialausstattung).
  • Da das Geld für eine vollständige Elektrifizierung fehlt, wurden für den letzten Abschnitt Dieseltriebwagen aus den 1950ern oder 1960ern aufwendig modernisiert. Diese Fahrzeuge konnten wir nur kurz ansehen, aber es war einen interessante Konstruktion. Einerseits moderne Kästen mit toller Inneneinrichtung, aber die Motoren lärmten ordentlich vor sich hin. Da die Klimaanlage aber nur arbeitete wenn der Motor lief, wurde dieser bei der Wende am Bahnhof nicht abgeschaltet. Und so durften wir 10 Minuten miterleben, wie ein Triebwagen mit laufenden Motoren am Bahnhof stand um die Klimaanlagen zu betreiben. Die auf Hochtouren arbeiteten, weil die Türen der Wagen offen waren…

Inzwischen dürfte der Betreiber FEVE pleite sein und in der RENFE aufgehen. Auch hört man von Investitionsstopps auf längere Zeit, was zu Problemen in der Zulieferindustrie führt. Diese bemüht sich nun um Aufträge in anderen Ländern.

Als das sah und auch die vielen leerstehenden Siedlungen, war mir einiges klar. Ich verstehe das die Leute nicht glücklich über die Sparmaßnahmen sind. Das sie wehtun und Leuten die Existenzgrundlage rauben. Aber ich sehe auch, das es wohl nicht anderes geht.

Und schlussendlich bleibt mir diese Aussage eines Begleiters in Errinnerung:

Unser Fehler in Österreich? Wir haben zu wenig verlangt, nicht zu viel.

Ein weiter Interessanter Artikel war vor einiger Zeit in der Eisenbahn Österreich über die griechischen Verhältnisse. Leider habe ich die Nummer des Hefts gerade nicht bei der Hand, werde ich aber nachreichen. Sehr lesenwert, wenn man wissen will, wo tlw. das Geld rausgeschmissen wurde.

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