Wir kaufen uns einen Halt eines Railjet!

Also nicht mit Geld, sondern mit Zeit.
Kufstein fordert zusätzliche Halte der Railjets. Nun gut, viele werden sich denken, die 2 Minuten machen das Kraut auch nicht fett. Wieviel Zeit geht aber bei einem Railjethalt wirklich verloren?
Nehmen wir einen fiktiven Bahnhof. Die Strecke davor und danach ist für 160 km/h geeignet. Die Bremsverzögerung bzw. Beschleunigung des Railjets nehmen wir mit 0,7 m/s² an.
Im ersten Fall lassen wir den Zug direkt runterbremsen ohne irgendwelche Geschwindigkeitsbrüche, also den Idealfall.
Zeit für das Abbremsen und Beschleunigen ist dann also: ~63 Sekunden einfach, also 126 Sekunden für beides.
Der Weg der dabei zurückgelegt wird sind: 1410 Meter einfach, also 2820 Meter, ein Zug der mit 160km/h durchfährt benötigt für diese Distanz 63 Sekunden.

Wenn man nun die Beschleunigungs-, sowie die Zeiten für das Halten (2 Minuten) mit den Zeiten des Durchfahrenden Zuges vergleicht, bemerkt man dass ohne Reserven rund 3 Minuten verloren gehen.
Diese 3 Minuten müssen wir uns jetzt verdienen.
Nehmen wir an die nächsten Haltebahnhöfe des Railjets sind 50 km entfernt. Bei dem durchfahrenden Zug mit 160 km/h beträgt dann die Fahrzeit für diese 100km 37,5 Minuten. Durch den Halt sind wir aber jetzt auf 40,5 Minuten für 100 km, es ist also so als würden wir 107,999 km fahren. Um diese fiktiven 107,999km in der alten Zeit von 37,5 Minuten zu schaffen muss die durchschnittliche Zughöchstgeschwindigkeit auf 172,7km/h gesteigert werden.
Kurz:
Selbst in diesem einfachen Beispiel muss die durchnittliche Vmax um 12,7 km/h gesteigert werden um einen Halt von 2 Minuten zu ermöglichen.

Jetzt machen wir es etwas komplizierter:
Wir lassen unseren Bahnsteig nicht im durchgehenden Hauptgleis sein, sondern in einem Nebengleis, d. h. der Zug muss in die Ablenkung. Diese ist aber nur mit 60km/h möglich. Die 60km/h sind ab dem Einfahrsignal zu fahren, das 1000 Meter vor dem Haltepunkt am Bahnsteig steht. Die Ausfahrt ist auch nur mit 60km/h möglich, wobei die letzt befahrene Weiche 500 Meter vom Haltepunkt entfernt ist.

Schauen wir uns die Einfahrt als erstes an:
Vom Vorsignal (VS) zum Einfahrsignal (ES) sind es sagen wir 1400 Meter. Wir beginnen also am VS zu bremsen um am ES 60 km/h zu fahren:
Der Bremsweg sind ~1200 Meter, die Bremszeit 39 Sekunden. Für die restlichen 200 Meter benötigen wir mit 60km/h etwa 12 Sekunden. Also haben wir nun schon 51 Sekunden verloren, sind aber noch 1000 Meter vom Bahnsteig entfernt. Zum Vergleich, vorher waren wir da schon fast am Bahnsteig.
Für das Abbremsen aus 60km/h auf Null brauchen 198 Meter und 23 Sekunden. Vorher legen wir ab die 800 Meter noch mit 60km/h zurück, das sind 48 Sekunden.
Zusammengerechnet brauchen also vom Vorsignal bis zum Stillstand: 39+12+23+48= 122 Sekunden.

Nach dem Halt fahren wir an, bis der letzte Wagen die letzte Weiche verlassen hat dürfen wir nur 60km/h fahren, danach beschleunigen.
Beschleunigungszeit und -weg auf 60km/h nehmen wir von oben, also 23 Sekunden und 198 Meter.
Der Railjet ist als Doppelgarnitur 410 Meter lang. Wir müssen also noch 302 Meter bis zur Weiche plus 410 Meter Zuglänge mit 60m/h fahren, also 42 Sekunden lang. Dann können wir wieder auf 160 km/h beschleunigen, was wiederum 39 Sekunden dauert und 1200 Meter benötigt.
Also zum Beschleunigen brauchen 23+42+39=104 Sekunden
Der gesamte Halt dauert also in diesem Fall 122+120+104= 346 Sekunden oder 5,7 Minuten.

Wie lange braucht der durchfahrende Zug jetzt aber dafür?
Vom Beginn der Bremsung bis zum Ende der Beschleunigung sind es 4510 Meter, der Zug benötigt dafür 101 Sekunden oder 1,7 Minuten.
Wir verlieren durch diesen Halt also 4 Minuten.
Wie schnell muss jetzt der haltende Zug fahren um diesen Halt zu kompensieren, wir nehmen dazu wieder die Werte von oben. Ausgerechnet ergibt das eine durchnittliche Vmax von 177km/h um diesen Halt zu kompensieren.

Jeder der Auto fährt kann ja mal probieren wie schwer es ist auf 100 km die durchschnittliche Geschwindigkeit so stark zu steigern. Das geht fast nicht. Und jetzt versteht auf vielleicht so mancher, warum man nicht überall so einfach stehenbleiben kann.

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2 Gedanken zu „Wir kaufen uns einen Halt eines Railjet!

  1. Gut und richtig gerechnet. Und ich kann die Bedenken bzgl. Kufstein auch verstehen.
    Aber wo soll ein Railjet überhaupt stehenbleiben? Und wie lang soll er nach Wien fahren?
    Fangen wir bei den Halten an: Landeshauptstädte. Gut. St. Pölten ist aber unnötig, weil fat niemand aussteigt und die Einsteigenden eigentlich Regionalverkehr sind. Linz klar. Attnang als Knoten zum Innviertel und Salzkammergut wäre nötig, leider nein. Salzburg klar. Dann die furchtbare Schlampstrecke bis Kufstein, ETCS2 im Unterinntal, Wörgl soll als Hält kommen, Innsbruck. Ja und dann der wichtigste Ort, seit ein Dorfgendarm aus Zams jagen geht. Wer will in Landeck-Zams ein und aussteigen? Aber er bleibt stehen.
    Jetzt zur Fahrzeit. Zwischen Salzburg und Wien hat der RJ ca 25 Minuten Fahrzeitreserve. Wenn also durch einen Halt irgendwo 5min draufgehen, ist das natürlich zu bedenken, aber die Welt stürzt noch nicht ein. Und jetzt haben wir noch gar nicht über die Arbeitsanweisung zur Abfertigung und zu den 1min Halten gesprochen…

    • Ganz einfach, wenn man die Westachse Wien – Salzburg ansieht würde es so aussehen:
      RJ/ICE/EC: überregionale Zentren (Wien Westbahnhof, St. Pölten, Linz, Salzburg)
      IC:zusätzlich in den regionale Zentren (Wien Hütteldorf, Amstetten, St. Valentin, Wels, Attnang-Puchheim, Vöcklabruck)
      REX/REX200: Anbindung der lokalen Zentren an die nächsten Halte des Fernverkehrs
      R/S: Normaler Nahverkehr zwischen den Zentren

      Warum du St. Pölten, das ja immerhin Landeshauptstadt sowie der wichtigste FV-Halt im westlichen Niederösterreich ist, streichen willst, aber in Attnang einen RJ-Halt willst ist mir nicht klar. Der regionale Knoten Attnang ist mit den IC ganz gut an den FV angebunden, in Linz und Salzburg bestehen gute Umsteigeverbindungen.

      Fahrzeitreserven zugunsten eines Haltes zu reduzieren ist das schlimmste was man machen kann. Diese haben schon ihre Gründe, um das System stabil zu halten.

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